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Wissenschaftler zur Schlacht um Aleppo, Syrien

Professor Günter Meyer von der Universität Mainz ist international führender Experte für den arabischen Raum, Nahen Osten, vorderen Orient und unter anderem Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt (ZEFAW), Vorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient für gegenwartsbezogene Forschung und Dokumentation (DAVO), Präsident der European Association for Middle Eastern Studies (EURAMES), Präsident der International Association for Middle Eastern Studies (IAMES) und Vorsitzender des International Advisory Council of the World Congress of Middle Eastern Studies (WOCMES). Eines seiner Spezialgebiete ist Syrien. Zum aktuellem Geschehen in Aleppo meldete sich der Wissenschaftler mehrmals in den Medien zu Wort. Dort sagte er unter anderem Folgendes:

Interview im Wiesbadener Kurier (“Russlands Einschreiten als Wendepunkt“) vom 6.8.2016 (Interviewer in fetter, Meyer in normaler Schrift): “Professor Meyer, die Meldungen über den Einsatz chemischer Waffen häufen sich dieser Tage. Ist das eine neue Eskalation? Nein, diese Meldungen sind Standardanschuldigungen, die ohne überzeugende Belege immer wieder gegen das Assad-Regime erhoben werden, um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu erregen. Dagegen gibt es zahlreiche Beweise für den Einsatz von Chlorgas durch den IS und andere djihadistische Milizen. So auch bei den jüngsten Kämpfen um Aleppo, wo es einige Verletzte durch einen Giftgaseinsatz gegeben hat. […] Ein Brandherd ist dieser Tage Ost-Aleppo…. ja. Allerdings ist die mediale Berichtserstattung darüber häufig sehr einseitig. So z.B., wenn der Spiegel titelt: ‚Die Islamisten sind Aleppos letzte Hoffnung‚. Die Dschihadisten der Al-Kaida angehörenden Nusra-Front und der nicht minder brutale Ahrar al-Scham haben die von der UN ausgehandelte Waffenruhe genutzt, um den Osten Aleppos militärisch massiv aufzurüsten. Diese ultra-radikalen Kämpfer geben dort das Kommando, nicht etwa moderate Rebellen, wie in vielen Medien immer wieder zu lesen ist. Wie in anderen vom Regime belagerten Städten benutzen die Dschihadisten auch hier die Zivilbevölkerung als Schutzschilde und verhindern, dass sich die Einwohner in Sicherheit bringen können.”.

Web.de zitiert Prof. Meyer am 3.8.2016 mehrmals in einem Artikel zu den Aleppo-Kampfhandlungen („Syrien-Krieg: Wer kämpft gegen wen in Aleppo?„): „Wer kämpft überhaupt in Aleppo? In deutschen Medien ist oft von „Rebellen“ die Rede, die nun im Osten Aleppos eine Offensive gegen den Belagerungsring der Truppen von Präsident Assad und seinen Verbündeten gestartet haben. Eine Verharmlosung, findet Günter Meyer von der Universität Mainz: ‚Das sind keine Rebellen, und moderate schon gar nicht. Im Osten Aleppos agieren ausnahmslos radikale Islamisten.‘ Dazu zählt auch der Nachfolger der Al-Nusra-Front, die salafistische Jabhat Fatah al-Sham, die sich vor kurzem offiziell von Al–Kaida losgesagt hat. […] Die Islamisten seien nun die letzte Hoffnung für die Zivilisten in Aleppo, so ‚Spiegel Online‘ in einem Artikel. Die These: Wenn die Islamisten den Belagerungsring sprengen können, werde sich die Lage der Zivilbevölkerung bessern. Handfeste Belege dafür gibt es nicht. Günter Meyer widerspricht sogar energisch: ‚Die Islamisten sind nicht die Hoffnung, sondern der Fluch der Bevölkerung.‘. Er glaubt – wie auch Michael Lüders – dass die Islamisten die Zivilbevölkerung nur ausnutzen wollen: ‚Sie dient diesen Gruppen quasi als menschliche Schutzschilde.‘ Für Meyer ist das einer der Gründe, warum die von der Regierung bereitgestellten ‚humanitären Korridore‘ bislang kaum zur Flucht aus der umkämpften Stadt genutzt werden: die Dschihadisten hätten kein Interesse daran, die Menschen hinauszulassen.“.

Prof. Meyer am 12.2.2016 im Interview mit dem Deutschlandfunk: “Die Nusra-Front, ebenso wie IS sind klar ausgespart von dieser Waffenruhe. Der Kampf gegen die Nusra-Front als Ableger von El-Kaida ist genauso wichtig wie der Kampf gegen den Islamischen Staat. Beide verfolgen die gleichen Ziele einer islamistischen Weltherrschaft. Das heißt, dieser Kampf wird fortgesetzt. Aber die Truppen der Nusra-Front, die sitzen durchaus in Aleppo. Das heißt, sie sind weit verstreut im Norden des Landes, gerade auch in der Provinz Idlib. Von dort sind in den letzten Tagen Hunderte von Kämpfern der Al-Nusra nach Aleppo verlegt worden. Das heißt, wenn der Kampf gegen die Nusra-Front weitergeht, das heißt, wenn insbesondere die russischen Kampfflugzeuge weiter legitimiert sind, Stellungen der Nusra-Front anzugreifen, dann gilt das natürlich auch für Aleppo. Gerade die Nusra-Front verfolgt die Strategie: Anders als der Islamische Staat, wo klar abgegrenzte Territorien erkennbar sind, schließt sich die Nusra-Front mit den verschiedenen anderen Rebellengruppen zusammen, so dass hier immer die Möglichkeit besteht zu sagen, wenn russische Angriffe durchgeführt werden, oder das Regime weiter vorrückt, angesichts der großen militärischen Erfolge, die man gerade in den letzten Wochen erlebt hat, dann ist aufgrund dieser Vereinbarung es durchaus auch möglich, gegen die Stellung der Nusra-Front in Aleppo und im Verbund mit anderen Rebellengruppen vorzugehen.”.

Der durch die Analysen des Wissenschaftlers und Syrienexperten Meyer skizzierte Stand der – neutralen – Forschung  wird auch von Militärexperten bestätigt. Ex-Bundeswehr-General Harald Kujat, ehemaliger Vorsitzender des NATO-Militärausschusses und ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr kommt hinsichtlich der Situation in Aleppo zu den gleichen Schlüssen. Kujat – wie auch Meyer – kann man sicher keine Parteilichkeit im Syrienkrieg unterstellen. Der deutsche Ex-NATO-General Harald Kujat am 3.8.2016 in einem Interview beim Deutschlandfunk:

“[…] Wie soll da die Opposition kompromissbereit sein? Kujat: Langsam, langsam! Wir dürfen hier nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Aleppo ist tatsächlich eine humanitäre Katastrophe und wird sich wahrscheinlich noch zu einer größeren humanitären Katastrophe auswachsen. Aber Aleppo wird deshalb eine humanitäre Katastrophe, weil dort Terroristengruppen diese Stadt besetzt haben, die Bevölkerung unterdrücken und das Regime, Assad-Regime, versucht, diese Stadt zu befreien. Aleppo ist strategisch wichtig – Sie haben das in Ihrem vorherigen Beitrag ja betont – aus der Sicht des Assad-Regimes, aber Aleppo hat eben auch eine Schlüsselfunktion für die Versorgung der terroristischen Gruppen: Al-Kaida, dort Al-Nusra, besetzen Aleppo und der IS. Es ist eben nicht so, dass dort die gemäßigten Gruppen gegen das Assad-Regime kämpfen, sondern Al-Nusra kämpft gegen das Assad-Regime und IS. Und ich finde es nicht logisch, dass wir auf der einen Seite hier uns mit den Angriffen in Europa, in Deutschland und in Frankreich mit den Terroristen auseinandersetzen müssen und gleichzeitig für sie Partei ergreifen, wenn sie in Syrien kämpfen. Das fügt sich nicht zusammen.”.

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