Gesellschaft Internet Medien Politik

Tote Oppositionelle in der Ukraine

Die „Selbstmord-Mordserie“ der letzten Wochen in der Ukraine hat schon etliche Todesopfer gefordert. Regierungsgegner des Kiewer Premier-Präsidentengespanns Jazenjuk-Poroschenko starben – angeblich freiwillig – wie die Fliegen. Und mittlerweile werden sie sogar ganz offen umgebracht. Das nur ein paar Rechtsextremen anzulasten, ist zu einfach. Zu sehr sind diese in der ukrainsichen Gesellschaft und Politik verwurzelt. Regierungsanhänger führen offen Todeslisten im Internet. Hier ein paar Meldungen zu den Todesfällen: 

In dem Artikel „Mysteriöse Todesserie in der Ukraine“ im Jo-Menschenfreund-Blog heißt es: „Vier so genannte ‚pro-russische‘ Journalisten und Politiker wurden alleine in der letzten Woche ermordet. Alle waren Kritiker der neuen Regierung. Aber es waren nicht die ersten Morde. Zu Beginn hatte man noch versucht, sie wie ‚Selbstmorde‘ oder ‚Unfälle‘ aussehen zu lassen. Inzwischen scheint man darauf zu verzichten. Und eine Todesliste lässt Oppositionelle erschaudern. Ein Auszug aus der Liste, mit den bekanntesten Opfern:“. Alleine der Auszug nennt den Namen von 11 getöteten Personen. Es dürften insgesamt sogar deutlich mehr sein.

In dem Beitrag „Ukrainischer Oppositionspolitiker begeht offiziell Selbstmord“ bei Blauer Bote zu einem „Selbstmord“ in Kiew heißt es: „Der unter Hausarrest stehende ukrainische Oppositionspolitiker Mykhailo Chechetov hat in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 2015 nach amtlichen Angaben Selbstmord begangen als er aus dem 17. Stock eines Gebäudes in Kiew fiel beziehungsweise sprang. Das berichtete die englischsprachige Kyiv Post. In deutschsprachigen Medien wurde über den Fall nicht berichtet.“.

„Zu lange hat die Bundesregierung, entgegen ihr vorliegenden Informationen, behauptet, es gäbe keinen Faschismus in der ukrainischen Regierung. Jetzt wurden Gesetze verabschiedet, die totalitären Charakter haben, jetzt hat das Morden von Oppositionellen begonnen, jetzt beginnt die dritte Invasion des Ostens des Landes, um eine ethnische Säuberung durchzuführen, und immer noch bleibt unsere Regierung stumm. Es ist eine Schande für Deutschland, ausgerechnet mit unserer, so oft beschworenen Geschichte, Mord, Verfolgung, Faschismus zu unterstützen.“, schreibt Jo Menschenfreund in dem Beitrag „Ukraines Todesschwadrone„.

Der staatliche russische Kanal „RT Deutsch“ – so etwas Ähnliches wie die „Deutsche Welle“ auf russisch – berichtete im März 2015 in dem Artikel „Ukraine: Acht ‚Selbstmorde‘ von Oppositionspolitikern und Journalisten in nur einem Monat„: „Der vermeintliche Selbstmord von Olga Moroz, Chefredakteurin der ukrainischen Zeitung Neteshinsky Vestnik, letztes Wochenende wirft weiterhin Fragen auf. Zurzeit tauchen vermehrt widersprüchliche Berichte bezüglich Moroz Todesumstände auf. Bei dem Tod von Moroz handelt es sich um den achten mutmaßlichen ‚Selbstmord‘ von prominenten Oppositionspolitikern und Journalisten in nur einem Monat.“. Auch wer RT Deutsch kritisch sieht, kann wohl kaum leugnen, dass die genannten Oppositionellen tot sind. Und dass darüber eben nicht in deutschen Medien berichtet wird (wurde) und letztlich nur RT Deutsch und co zu deutschsprachigen Information über diese Vorfälle bleiben. Ob sich das jetzt wirklich gravierend ändert? Eher nicht, denke ich.

Die Kiew-freundliche und den Grünen nahestehende deutsche Zeitung taz schreibt: „Gleichzeitig sprachen Kalaschnikows Angehörige von zahlreichen Morddrohungen in der jüngsten Zeit. In Drohanrufen habe man ihm seine Aufrufe, den 70. Jahrestag des Kriegsendes in großem Rahmen zu begehen, vorgeworfen, berichten die Verwandten gegenüber ukrainischen Medien. Mit den Morden an Busina und Kalaschnikow sind bereits zehn Männer, die als prorussisch gelten, seit Anfang des Jahres aus dem Leben geschieden.“. Offenbar kann sich die taz dann doch nicht verkneifen, in dem Artikel („Morde in der Ukraine. Prorussischer Journalist erschossen„) über den Toten herzuziehen und seine Arbeit und seine Weggefährten zu diskreditieren: „soll der 52-jährige doch der Organisator der Schlägertrupps des ‚Antimaidan‘ gewesen sein.“. Der nachfolgend zitierte Bandera-Nazi Boris Filatow wird dagegen nicht als solcher identifiziert.

„Erneut ein Politiker der Opposition in der Ukraine tot aufgefunden! Der ehemalige Gouverneur von Saporoshje und Mitglied der Partei der Regionen Alexander Peklushenko soll Selbstmord begangen haben. (die Ermittlungen laufen noch) Das ist jetzt der 7. Selbstmord eines oppositionellen Politikers in der Ukraine.“, beschreibt uncut-news.ch am 14. März 2015 in dem Artikel „Politiker der Opposition in der Ukraine tot aufgefunden!“ gewissermaßen den „Zwischenstand“ der 2015er Selbstmord-Mordserie von/an Oppositionellen in der Ukraine. Weitere Tote sollten folgen …

In einem Leser-Kommentar bei Focus Online („Selbstmord oder Mord der Opposition in Kiev?„) vom 15. März 2015 heißt es „Warum berichtet die deutsche Presse nicht über sechs Oppositionellen der Kiever Regierung die in Ukraine seit den 29 Januar tot gefunden wurden?. Die Regierung sagt, dass alle diese Politiker Selbstmord begangen haben, aber das ist unwahrscheinlich.“. Gute Frage. Verdammt gute Frage. Offenbar hat die Kiewer Regierung wohl doch zu viel Dreck am stecken oder warum ist das alles so „uninteressant“ für die deutsche pro-Kiewer Presse?

Der Berliner Tagesspiegel schreibt in dem Artikel „Ukraine-Krise. Attentate auf russland-nahe Oppositionelle in Kiew – 2 Tote„: „Eine Serie unaufgeklärter Todesfälle russlandfreundlicher Regierungsgegner erschüttert die Ukraine. Der Kreml sieht darin politische Verbrechen. In Kiew spricht der prowestliche Präsident Poroschenko von einer ‚Provokation‘. […] Der extremistische Rechte Sektor in Kiew hatte Medien zufolge zuerst über den Mord an Busina berichtet. Dort diskutierten Rechtsextreme mögliche nächste Opfer unter ihren politischen Gegnern.“.

Angesichts der in der Ukraine in Politik und Gesellschaft weit verbreiteten Nazis mal wieder eine steile These des „Heiligen Petro“. Wie beispielsweise der polnische Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe in einem Telepolis-Interview aufzeigt („Ohne historische Aufarbeitung bleibt die Ukraine ein Pulverfass„), gibt es in der Ukraine schon seit Jahren einen fest verankerten faschistoiden Nationalismus. Zitat:

„Juschtschenko war ukrainischer Präsident vom 2005 bis 2010. Er gründete 2005 das Institut des Nationalen Gedenkens, das zwei Narrative auf der Staatsebene popularisierte. Das erste Narrativ stellte die Hungersnot, die von 1932 bis 1933 in der Sowjetukraine stattfand und bei der 2,6 bis 3,9 Millionen Menschen verhungerten, als einen gegen die ukrainische Nation gerichteten sowjetischen Genozid dar, bei dem 7 bis 10 Millionen Ukrainer absichtlich umgebracht wurden.

Das zweite Narrativ heroisierte die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und die Anfang 1943 von der OUN aufgestellte Ukrainische Aufständische Armee (UPA) und stellte sie zusammen mit der Waffen-SS-Division Galizien als den Kern der ukrainischen Befreiungsbewegung dar. Die beiden Narrative waren im Kalten Krieg in der ukrainischen Diaspora verankert, die zum Teil aus den Veteranen dieser Bewegung bestand und sich der Aufarbeitung der Problematik des Zweiten Weltkrieges, besonders der Schoah, in der Westukraine vehement widersetzte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde vor allem das OUN-UPA-Narrativ in die Westukraine importiert, wo es nicht nur von rechtsradikalen Gruppierungen sondern auch nationalistischen und ‚liberalen‘ Intellektuellen, auch Schul- und Gymnasiumlehrer sowie Universitätsprofessoren verbreitet wurde.“.

Ein ganz toller ukrainischer Nazi-Mord an Gegnern der aktuellen Kiewer Regierung war übrigens das berühmt-berüchtigte Massker von Odessa („Odessa-Massaker: Massenmord in der Ukraine„) mit mindestens 48, wahrscheinlich aber viel mehr brutal ermordeten Menschen. Weit vorne dabei beim Massaker: Täter aus Vitali Klitschkos Partei und andere „Maidan-Aktivisten“, extra aus Kiew mit Bussen angekarrt. Aufklärung durch ukrainische Behörden bis heute: Fehlanzeige. Stattdessen werden Opfer und Opferangehörige verfolgt, Fakten vertuscht und gefälscht, die Untersuchungen sabotiert.

ukraine_nazis

Bild: Vitali Klitschko (Kiewer Bürgermeister) und ukrainische Nazis.

UPDATE:

In dem Artikel „Im Geiste Banderas“ schreibt jungeWelt: „Ukraine: Ehemaliger Abgeordneter und regierungskritischer Journalist erschossen. Faschisten jubeln. Verteidigungsratsvorsitzender denkt über Atombombe nach. […] Anhänger der Opposition sprechen dagegen von Morden und von ‚physischer Abrechnung‘ der neuen Machthaber mit ihren Gegnern. Petro Simonenko, Chef der vom Verbot bedrohten Kommunistischen Partei der Ukraine, sagte nach seinem Verhör beim Geheimdienst SBU vor einigen Tagen, die Ermittler hätten ihm gedroht, wenn er sich nicht still verhalte, werde er enden wie die drei Verstorbenen. […] ‚Noch ein Dreckskerl erledigt. Ich hoffe sehr, nicht wegen Schulden und nicht zur Verwischung von Spuren, sondern durch ein Attentat im Geiste Banderas.‘. Follower Filatows riefen zu weiteren Morden an ‚Separatisten‘ auf.“. Die gewaltbereiten Regierungsanhänger sprechen offen über Gewalt gegen alle regierungskritischen Ukrainer. Die bedingungslose Unterstützung der Ukraine durch den Westen hat sie sicher bisher immer bestärkt. Die Ratten kommen nicht erst aus den Löchern, sie haben bereits ihre gesamte Umwelt erobert.

In zwei weiteren Junge-Welt-Artikeln vom 18. April 2015 heißt es: „Die Taten werfen ein Licht auf die Methoden, mit denen die »Einheit der ukrainischen Nation« hergestellt werden soll: Morde und als Vorstufe dazu Denunziationsportale mit offiziellem Segen im Internet. Der Kommentar, den der Kiewer »Politikberater« Anton Geraschtschenko zum Mord an Oles Busina abgab, spricht mit seinem Zynismus Bände: Wer von den Maidan-Gegnern des letzten Jahres noch lebe und um sein Leben fürchte, solle sich schleunigst den Behörden offenbaren, um dem Schicksal der Ermordeten zu entgehen. Knast oder Tod, das ist die Alternative, die Kiew seinen Oppositionellen bietet.“ (in „Eskalation des Terrors. Morde in der Ukraine„) und „Die Serie der Morde an Gegnern der ukrainischen Machthaber geht weiter. Allein in dieser Woche wurden in Kiew ein ehemaliger Abgeordneter und zwei Journalisten erschossen. Zu den beiden Attentaten bekannte sich die Faschistengruppe ‚Ukrainische Aufständische Armee‘ (UPA), wie dpa am Freitag meldete. Die Organisation habe damit gedroht, weitere ‚antiukrainische‘ Personen zu töten, sollten diese bis Montag abend nicht das Land verlassen haben. Eine weitere Journalistin wurde in einer Provinzstadt tot aufgefunden.“ (in „Morde an Regimegegnern„).

In dem Telepolis-Artikel „Mordanschläge gegen prorussischen Journalisten und Politiker in der Ukraine“ relativiert Florian Rötzer. Dort heißt es eingangs: „Kiew macht ausgerechnet Moskau verantwortlich, Verschwörungstheorien gedeihen. In der Ukraine haben in letzter Zeit Anschläge überwogen, die vermutlich von Separatisten ausgegangen waren. Zudem wurden vom Geheimdienst SBU immer mehr Menschen verhaftet, die des Separatismus verdächtigt wurden, eine politische Haltung, die strafrechtlich verfolgt werden kann, ebenso wie jetzt auch kommunistische Symbole und Propaganda verboten sind und russische Journalisten nicht mehr aus der Ukraine berichten dürfen.“.

Die ARD-Tagesschau schützt in dem gestrigen Artikel „Getötete ukrainische Regierungskritiker. Bekennerschreiben nach Morden“ argumentativ die ukrainische Regierung und weist die Schuld lediglich ominösen Rechtsextremisten zu. Dort heißt es: „Nach der Ermordung zweier bekannter Regierungskritiker in der Ukraine hat sich eine nationalistische Gruppe namens Ukrainische Aufständische Armee (UPA) offenbar zu diesen und anderen Attentaten bekannt. […] Der Regierungsbeamte Anton Geraschtschenko vom Innenministerium in Kiew bezeichnete die Absender als ‚Psychopathen‘.“.

UPDATE: Die Propagandaschau zum Umgang der Tagesschau mit der Mordserie: „ARD verbreitet Kiewer Propaganda über Mordserie an Oppositionellen„. Die Tagesschau versucht, Putin/Russland zu beschuldigen.