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U-Boot-Skandal in der Bundespressekonferenz

Am 11. Juni 2016 gab der schwedische Verteidigungsminister in einem Interview mit Radio Schweden bekannt, dass tatsächliche oder angebliche U-Boote vor Schwedens Küsten keine Unterseeboote aus Russland gewesen seien, sondern dass in einem Fall ein schwedisches und in einem späteren Fall ein deutsches U-Boot für ein Signal verantwortlich gewesen sei, welches einen Fehlalarm auslöste. Das in der Presse kursierende angebliche U-Boot-Bild aus Schweden hatte sich schon vor über einem Jahr als Falschbild entpuppt: Es zeigt nur ein normales Boot, ein kleines Schiffchen von zehn Metern Länge. Die monatelange, bis vor Kurzem – tatsächlich bis einen Tag vor den Enthüllungen der schwedischen Regierung (!) – anhaltende U-Boot-Hysterie über angebliche russische U-Boote vor Schweden auch in deutschen Medien („Schweden gibt bekannt: Es gab kein russisches U-Boot vor Stockholm„) – ohnehin unter schwerem Propagandaverdacht – löste sich damit vollständig in Luft auf, was allerdings von den deutschen Medien nun großflächig ignoriert wird („Medien halten eisern an Propagandalüge fest„).

Nun hat ein schwedischer Journalist – Herr Daniel Alling vom schwedischen Rundfunk, Korrespondent in Berlin – bei der Bundespressekonferenz nachgefragt, was es denn mit diesem angeblichen und möglicherweise deutschen (und eben nicht russischem) U-Boot vor Schwedens Küsten auf sich hat. Die Vertreter der Bundesregierung gaben sich unwissend. Obwohl das Ganze natürlich ein riesen Thema ist und obwohl es ja schon einige Anfragen von schwedischen Medien, Politikern etc. an die Bundesregierung und die Bundeswehr dazu gab. Auch ein deutscher Journalist – Dirk Pohlmann – hatte dazu entsprechend schon das Verteidigungsministerium angefragt. Dort stritt man aber ab, dass das U-Boot ein deutsches gewesen sei. Die deutsche Botschaft in Schweden stritt auch ab, dass ein deutsches Unterseeboot an Schwedens Küsten aktiv war („Deutsche Botschaft: Schwedische Regierung sagt Unwahrheit über deutsche ‚russische‘ U-Boote vor Schweden„) – Man bezog sich dabei auf Angaben der deutschen Marine.

Video bei Youtube von „Jung & naiv: „Deutsches U-Boot vor Schweden? – Komplette Bundespressekonferenz vom 8. Juli 2016“ (Bei Klick auf diesen Link startet das Video direkt an der entsprechenden Stelle zu den U-Booten vor Schweden).

Telepolis – Autor Markus Kompa – schreibt zu der Sache in dem Artikel „Medienfront hält U-Boot unter der Wasseroberfläche„: „Nachdem die U-Boote sich also noch immer auf Irrfahrt im deutschen Blätterwald befinden, befragte nun gestern in der Bundespressekonferenz ein schwedischer Journalist den Sprecher der Hardthöhe, was ein deutsches U-Boot in den schwedischen Schären zu suchen habe. Die Empörung in politischen Kreisen in Stockholm sei groß. Dem Sprecher allerdings war dieser Sachverhalt, der in alternativen Medien schon lange kursiert, angeblich nicht einmal bekannt. Auch die Nachfrage des unabhängigen Journalisten Tilo Jung, ob ein vom Sprecher als deutsches bezeichnetes U-Boot immer zur deutschen Marine gehöre, vermochte der Sprecher nicht zu beantworten.“.

Den kompletten Text der Bundespressekonferenz und damit auch die entsprechenden Passagen zu den pseudo-russischen U-Booten vor Schweden kann man auch bei „Jung & naiv“ nachlesen (und anschauen): „Bundesregierung für Desinteressierte: BPK vom 8. Juli 2016„. Hier der Auszug mit den U-Boot-Fragen (staatlicher schwedischer Rundfunk durch Herrn Alling und dann auch Tilo Jung von „Jung und naiv“, unabhängiger Journalist), die vom Auswärtigen Amt (Sprecher Herr Dr. Schäfer) und vom Verteidigungsministerium (Sprecher Herr Flosdorff) beantwortet wurden:

FRAGE ALLING: Es wurde in schwedischen Medien heute enthüllt, dass ein deutsches U-Boot im April 2015 schwedische Gewässer außerhalb Stockholms verletzt hat. Die Position war Vindbåden in den südlichen Schären von Stockholm. Gab es ein deutsches U-Boot in der Ostsee, das 2015 in schwedischen Gewässern war? Was hat ein deutsches U-Boot in den Stockholmer Schären zu suchen?

DR. SCHÄFER: Das weiß ich nicht. Haben die da Aale gesucht oder gefangen? Was macht man da? Herr Flosdorff?

FLOSDORFF: Die Meldung ist mir nicht bekannt. Ich kann sie hier nicht verifizieren. Ich muss einfach nachfragen. Ich weiß es nicht. Die schwedischen Medien haben auf jeden Fall nicht im Verteidigungsministerium nachgefragt, um das zu verifizieren. Insofern weiß ich nicht, woher die Information stammt.

ZUSATZ ALLING: Vom schwedischen Verteidigungsministerium.

FLOSDORFF: Ich kann Ihnen dazu nichts sagen. Das ist mir nicht bekannt. Das liefere ich aber gerne nach. Ich werde nachfragen und es dann der gesamten Bundespressekonferenz nachliefern.

ZUSATZFRAGE ALLING: Haben Sie bzw. Deutschland diesbezüglich Kontakt mit Schweden gehabt?

FLOSDORFF: Das ist mir nicht bekannt. Das Thema ist mir gar nicht bekannt. Ich habe davon noch nie gehört, werde aber gerne nachfragen, ob das auf irgendeiner Ebene besprochen worden ist.

FRAGE JUNG: Herr Flosdorff, Ihr Ministerium hatte sich gegenüber schwedischen Medien schon dazu geäußert und gesagt, dass sich im Januar 2015 kein U-Boot der Deutschen Marine in schwedischen Hoheitsgewässern befand. Darum habe ich jetzt einmal ein paar Detailfragen dazu: Wenn es ein deutsches U-Boot gibt, dann gehört es immer zur Deutschen Marine, richtig?

FLOSDORFF: Ich weiß nicht, welche Stelle sich da geäußert hat. Diese

ZURUF JUNG: Ihr Ministerium!

FLOSDORFF: Ich weiß es nicht. Wenn es mein Ministerium ist, kann es sein, dass das in irgendeinem Jahr gewesen ist. Mir ist der Fall nicht bekannt. Ich kenne die Äußerung nicht. Ich kenne die Antwort nicht. Ich kann Ihnen deswegen hier keine Details dazu nennen; es tut mir leid.

ZUSATZ JUNG: Aber dann können wir ja Fragen stellen, deren Antworten Sie nachreichen können.

FLOSDORFF: Ja, das hatte ich ja gerade eben angeboten.

ZUSATZFRAGE JUNG: Darum die Frage: Wenn Sie von einem deutschen U-Boot sprechen, gehört das dann immer zur Deutschen Marine?

Meine zweite Frage wäre noch, ob sich ein deutsches U-Boot in anderen Monaten im Jahr 2015 und im Jahr 2014 in schwedischen Hoheitsgewässern befand. Darauf möchte ich auch eine Antwort haben.

FLOSDORFF: Ich weiß nicht, ob es deutsche U-Boote außerhalb der Marine gibt. Ich nehme an, wenn wir dazu Stellung nehmen, dann betrifft das U-Boote, die zur Deutschen Marine gehören.

DR. SCHÄFER: Ansonsten sind die Beziehungen zu Schweden aber wirklich ausgezeichnet!

ZURUF ALLING: Man kann immer lachen, aber das ist eine ernsthafte Frage, und die Empörung in politischen Kreisen in Stockholm ist groß; es tut mir leid.

DR. SCHÄFER: Wir lachen überhaupt nicht über Ihre Frage, ganz im Gegenteil. Ich finde die Vorstellung trotzdem amüsant, wenn Sie mir das erlauben. Es tut mir leid; nehmen Sie es nicht persönlich.

Schweden ist mittlerweile so gut wie in der NATO. Und das schwedische Militär hat nun mehr Mittel erhalten – aufgrund der “russischen U-Boot-Vorfälle”. Und der schwedische Verteidigungsminister versuchte bei der endgültigen Bekanntgabe der Wahrheit, sein monatelanges Schweigen damit zu rechtfertigen, dass eine Aufdeckung der Wahrheit peinlich für das schwedisches Militär sei und ja außerdem das schwedische Militär für diese U-Boot-Meldungen verantwortlich sei und er nicht in dessen Aufgabenbereich eingreifen oder vertrauliche Informationen preisgeben wollte. Dass die deutschen Medien überhaupt nicht darüber berichten, ist angesichts der U-Boot-Hysterie in den Jahren 2014 und 2015 (und 2016, Stichwort „russische Aggression“) mit den sich überschlagenden Meldungen zu diesen angeblichen Russenubooten in schwedischen Schären ein Skandal. Das Verhalten der Bundesregierung in dem Fall ist ebenso mehr als blamabel. Das zeigte gerade wieder (aber nicht nur) die aktuelle Bundespressekonferenz. Den Journalisten vom schwedischen Rundfunk quasi noch auszulachen und zu veräppeln (siehe Video), während Schweden fleißig Militärübungen mit der NATO macht, die in engem Zusammenhang mit der U-Boot-Propaganda stehen, ist einfach eine Frechheit.

Mehr zu den U-Booten vor Schweden bei Blauer Bote

4 Kommentare

  1. „Am 11. Juli 2016 gab der schwedische Verteidigungsminister in einem Interview mit Radio …“

    Sie meinten wahrscheinlich „11. Juni“

    Mit freundlichen Grüßen
    Bernhard Meyer

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