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Deutschlandfunk: Unsere Kritiker sind Rechtsextreme und Russentrolle

Marco Bertolaso – Leiter der Abteilung Zentrale Nachrichten im Deutschlandfunk in Köln – will sich in dem merkwürdigen Artikel „Aus der Nachrichtenredaktion. Die ’sieben Todsünden“ der Nachrichten‘“ der ständig wachsenden Kritik an den deutschen Medien und am Deutschlandfunk stellen und dagegen argumentieren. In seiner Vorstellung geht das offensichtlich am Besten damit, dass man erläutert, dass man kritische Leser, Zuhörer oder Leser nicht ganz für voll nimmt und „klarstellt“, dass es sich bei den Meisten um Nazis und „Russenagenten“ handele. Der Bürger als Rechtsextremer und/oder Feindagent. Eigene Fehler gäbe es nur selten. Propaganda natürlich gar nicht. Nur „guten, fairen Journalismus“ gäbe es beim Deutschlandfunk, so Dr. Marco Bertolaso.

Um gleich zu Beginn des Artikels keine Zweifel an der Stoßrichtung Bertolasos aufkommen zu lassen, wurde ein prägnantes Artikelbild gewählt: Dem Leser springt dort ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Lügenpresse – Halt die Fresse!“ entgegen. Untertitel des Bildes: „Die DLF-Nachrichten fühlen sich eher als „Grundgesetz-Presse“.“. Der Tooltip zum Bild weiß zu berichten (siehe Ausschnitt unten): „Die ‚Lügenpresse‘ als T-Shirt auf einer Neonazi-Demo in Hof (Oberfranken) 2012“. Also gleich mal zu Beginn die Gleichsetzung Medienkritiker = Lügenpresse = Rechtsextremer (Dieses Vorgehen wurde von der Anstalt im ZDF in einem Sketch einmal schön als neue Meinungsmathematik der Medien betitelt und satirisch eingefangen. Vergleiche dazu auch das Vorgehen des NDR gegen die Nachdenkseiten – Stichwort „Hitlers Mein Kampf“. Mittlerweile gibt es ja eine Einstweillige Verfügung gegen den NDR.).

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Weiter unten im Text wird Marco Bertolaso nach einigen merkwürdigen Vergleichen und ein paar kleineren – teils subtilen – Beleidigungen gegen seine Medienkonsumenten dann noch einmal deutlich (und scheinheilig – oder sollte man besser sagen unfreiwillig komisch?): „Gerade Präsident Putin wird von einigen gesehen als ’starker Führer‘, der für ’nationale Werte‘ kämpft. Das hätten offenbar einige auch gerne in Deutschland. Die Rolle und die Trolle Russlands haben uns auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise sehr beschäftigt. Nun wird es in Sachen Syrien in dieser Sache wieder lebendig. Ich bin sicher, da kommt noch mehr. Nachrichtenjournalisten werden aber weiter über Russland würdigend und kritisch berichten – genauso wie über die Ukraine oder die USA. Wir müssen vielleicht noch besser erklären, warum es in Russland viel echte Zustimmung für Putin gibt. Selbstverständlich hat nicht immer ‚der Westen‘ Recht. Und natürlich werden wir auch den russischen Außenminister zitieren, wenn es um Syrien geht oder andere internationale Themen. Guter, fairer Journalismus, eben. Viel mehr können Nachrichtenjournalisten hier nicht tun.„.

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6 Kommentare

  1. Guter und fairer Journalismus ist es also, wenn Sabine Adler den Anführer des Rechten Sektors, Dmitri Jarosch, als „angeblichen Faschisten“ und Opfer der russischen Propaganda verharmlost und ihm eine Plattform bietet. Wer sich so äußert, den sehe ich nicht als Bewahrer, sondern als Feind unseres Grundgesetzes.

    Die Behauptung, kritische Kommentare kämen von Russentrollen aus St. Petersburg ist natürlich absoluter Nonsens. Ich z.B. wurde nachdem ich seit mehreren Jahre bei derwesten.de (WAZ) registriert war und dort ab und zu kommentierte ohne jede Begründung gesperrt, weil ich es gewagt hatte, in durchaus sachlichem Ton die Moderation dafür zu kritisieren, dass sie Postings gelöscht hatte, die ihr offenbar nicht in den Kram passten, darunter zwei Postings von mir. In dem einen hatte ich dieses Video verlinkt, in dem anderen hatte ich als Antwort auf einen Artikel, in dem es um Panzer mit russischen Fahnen ging, die durch Donezk fuhren, darauf hingewiesen, dass es sich um Panzer von zu den Rebellen übergelaufenen ukrainischen Truppen handelte und dabei auf einen entsprechenden SPON-Artikel verlinkt. Warum sie immer Putin kritisieren erschließt sich mir jedenfalls nicht, da sie doch genau das Verständnis von Meinungsfreiheit und demokratischen Werten haben, das sie ihm immer wieder vorwerfen.

    Die Kampagne, die gerade gegen die Nachdenkseiten und andere kritische Stimmen läuft, ist einfach dermaßen schäbig und widerwärtig, dass einem bei so viel Bösartigkeit und Chuzpe fast die Sprache verschlägt. Es geht darum, jeden, der es wagt Kritik zu äußern, in der Öffentlichkeit verächtlich zu machen. Wer sich für beispielsweise als „Journalist“ für sowas hergibt, dem dürfte bewusst sein, dass er dabei mithilft, den Rest an Demokratie, der uns noch geblieben ist, auch noch zu zerstören. Ich frage mich, was für Menschen das eigentlich sein müssen. Aber dass hierzulande gegen jeden gehetzt wird, der den Interessen der Superreichen und westlichen Oligarchen im Weg steht, ist man inzwischen ja leider schon gewohnt, ob es sich nun um Tsipras und Varoukakis oder um den GDL-Chef, Lafontaine, Putin, Assad, die Anti-TTIP-Demonstranten oder aufmüpfige Arbeitslose handelt.

    Fassen wir also mal zusammen:

    Wenn kleine braune Männchen das ukrainische Parlament umstellen und Abgeordnete bedrohen, dann ist das kein Putsch, sondern eine Wahl, selbst wenn die zur Abwahl des alten Präsidenten erforderliche verfassungsgemäße Mehrheit nicht zustande kommt und der neue Ministerpräsident ebenso verfassungswidrig an die Macht gelangt. Wenn sich die Bevölkerung der Krim in einem Referendum für einen Anschluss an Russland entscheidet, dann handelt es sich um eine Annexion, und beim Einsatz von Hilfskonvois um eine Invasion. Wenn sich Bürger der Ostukraine den Panzern einer durch einen Staatsstreich an die Macht gekommenen Regierung entgegenstellen und versuchen, diese Panzer mit bloßen Händen aufzuhalten, dann müssen sie von Putin befreit werden. Das Gewerkschaftshaus in Odessa ist irgendwie in Brand geraten. Dmitri Jarosch ist gar kein Nazi, Albrecht Müller dagegen schon (und mit ihm natürlich auch die TTIP-Gegner). Und obendrein haben wir auch noch einen Fachkräftemangel.

    Bei all dem hanebüchenen Unsinn, die die einem verkaufen möchten, müssen sie sich nicht wundern, wenn sie scharf kritisiert werden und nötig haben, die kritischen Kommentatoren als „Russentrolle“ (woher können die eigentlich alle so gut Deutsch?) oder als Rechtsradikale abzuqualifizieren.

    1. Da ich gerade in Fahrt bin, noch mehr haarsträubender Unsinn, den sie uns tagtäglich glauben machen möchten:

      Ein Fish’n’Chips-Shop aus Coventry liefert verlässliche Nachrichten aus Syrien, der ehemalige SPD-Vorsitzende, Ex-Finanzminister und Ex-Ministerpräsident des Saarlandes ist Leninist und Fundamentalist, während ein Stasi-Schmierlappen als „Reformer“ gefeiert wird. Und Sozialabbau u. gescheiterte Rezepte aus Heinrich Brünings Klamottenkiste werden doch tatsächlich als Reformen bezeichnet (wenigstens weiß man damit, was man von den „Reformern“ zu erwarten hat). Etc., etc.

      Und Stefan Niggemeier behauptet tatsächlich „der Vorwurf der Lüge wäre übertrieben“ und es handle sich lediglich um journalistisch handwerkliche Fehler. Es kann mir niemand erzählen, dass er tatsächlich so naiv ist, das zu glauben. „Journalistische Schluderei“, wie in diesem Fall? Ich bezeichne das als widerliche Hetze.

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