Gesellschaft Medien Politik Webfundstück Wissenschaft

Mannheimer Journalist organisiert Widerstand gegen “kriminelle Flüchtlinge” und “Hilfsbesoffene”

hbs

Ein in Mannheim und im Rhein-Neckar-Raum bekannter Journalist, der unter anderem gelegentlich für die ZEIT schreibt und eine ganze Reihe von Regionalblogs im Raum Mannheim/Heidelberg betreibt, versucht zur Zeit, eine Kampagne gegen Flüchtlingshelfer und “kriminelle Asylanten” zu etablieren. Hierzu verbreitet er “kritische” Artikel zu “Drogendealer-Asylanten” und versucht, in den sozialen Netzwerken (beispielsweise Twitter oder Facebook) den Hashtag #hilfsbesoffen zu etablieren. Mit letzterem Begriff sind die vielen ehrenamtlichen Helfer gemeint, die in freiwilligem Bürger-Engagement an der Bewältigung der aktuellen Flüchtlingsströme mitwirken. Diese sollen offensichtlich mit Hilfe eines Mobs in den sozialen Netzwerken diskreditiert und lächerlich gemacht werden. Einen solchen Fanmob an “besorgten Bürgern” findet man bereits unter den “kritischen” Artikeln des Journalisten.

zugverkehr

In den mit klassischen Manipulationsmustern und unhaltbaren Behauptungen (beispielsweise zur angeblichen Kriminalitätsrate von Flüchtlingen), wie man sie normalerweise eher aus rechtsextremen Kreisen gewohnt ist, durchsetzten Artikeln (beispielsweise “Hilfsbereitschaft ist gut – muss man auch Dealer willkommen heißen? Nice to meet you?“) des Journalisten – Hardy Prothmann – fallen dann Sätze wie …

“Wahr” ist auch, dass ich als Journalist nichts gegen Menschen aus Gambia habe. “Wahr” ist aber, dass ich als Journalist Fakten prüfe und feststellen muss, dass die mutmaßliche Kriminalitätsrate bei diesen Personen exorbitant hoch ist. “Wahr” ist ebenfalls, dass es weitere Hinweise auf sexuelle Belästigungen gibt und möglicherweise auf Bandendiebstahl. Das macht die Gambianer nicht kollektiv zu Verbrechern, aber sehr wohl zu einer Gruppe von Asylsuchenden, die außergewöhnlich auffällig ist.

[…]

Und im Fall von “Joe” habe ich eine klare Haltung:

Nice to meet you Joe as a human, but not as a drugdealer in a country that is giving you support and protection.

Wenn ich mir vorstellte, dass hilfsbesoffene “Nice-to-meet-you”-Fanatiker tatsächlich bereit sind, das Risiko in Kauf zu nehmen, dass zehn Prozent der “Flüchtlinge”, die oft “Einwanderer” sind, tatsächlich Ganoven bis Kriminelle sind, wir also nicht von 8.000, sondern von 80.000 Menschen reden, die gegen unsere Gesetze verstoßen, dann wird “Nice-to-meet-you” zur klassenkämpferischen Systemfrage.

Meine Antwort ist klar: Ich begrüße Flüchtlinge, aber keine Kriminellen.

hbk2

UPDATE: Als kleinen Denkanstoß hier noch der Hinweis darauf, wie sich Experten – Wissenschaftler – mit dem Thema befassen: In der politikwissenschaftlichen Fachzeitschrift “Blätter für deutsche und internationale Politik” gibt es einen Artikel “Flüchtlinge: Der inszenierte Notstand“, der sich dem Thema “Flüchtlingsströme und der Umgang damit” aus nicht-populistischer Warte nähert. Zitat (Einleitung):

“Es sind erschreckende Bilder: Unter stechender Sonne hausen in Dresden und Berlin zahlreiche Flüchtlinge in Zeltstädten oder unter offenem Himmel. Die Bundeshauptstadt sorgt mit meist nicht einlösbaren Hostelgutscheinen gar für Obdachlosigkeit unter den Schutzsuchenden. Ein ähnliches Schicksal ist in Bayern im vergangenen Herbst sogar Kindern widerfahren, die ohne Decken im Freien übernachten mussten. In der öffentlichen Wahrnehmung erscheinen die Flüchtlinge dadurch als Problem: Die Neuankömmlinge, so wirkt es, überfordern ob ihrer Menge die Zuständigen von der Kommune bis zum Bund. Und tatsächlich erleben wir derzeit die weltweit größte Fluchtbewegung seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Allein für Deutschland rechnet die Bundesregierung in diesem Jahr inzwischen mit 750 000 neu einreisenden Asylsuchenden, nachdem sie lange von viel weniger ausging. Doch die Bilder zeigen eine Krise, die es nicht geben müsste. Der aktuelle Notstand hätte durch vorausschauendes Handeln vermieden werden können. […] Während sich viele Kommunen trotz aller Widrigkeiten ernsthaft um schnelle und gute Lösungen bemühen, inszenieren andere den Notstand: ein brandgefährliches Vabanquespiel, welches das bislang noch überwiegend positive gesellschaftliche Klima gegenüber den Asylsuchenden zum Kippen bringen könnte.”

UPDATE vom 17.10.2015: Hardy Prothmann mahnt ab – wegen dieses Artikels.

Spendenkonto für die Gerichtsverfahren gegen den Stern/Bertelsmann-Konzern