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Neue Berichte zu den Todesschüssen auf dem Maidan

Es gibt neue Medienberichte zu den hundert Toten bei den Protesten am und rund um den Maidan-Platz Ende Februar 2014 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, dem Beginn der Gewalttätigkeiten im aktuellen Ukraine-Konflikt: Die „junge Welt“ bringt in ihrer morgigen Ausgabe einen Artikel zur damaligen Maidan-Gewalt. Die Wiener Zeitung hat ein Interview, in dem eine Beteiligung von Kräften der jetzigen Regierung an dem Massaker thematisiert wird. Und ein Wissenschaftler veröffentlichte anläßlich des Jahrestages der Scharfschützenmorde vom 20.2.2014 eine umfassende Analyse zur Herkunft der Todesschüsse beim „Euromaidan“.

In der Wiener Zeitung heißt es in einem Interview mit Ina Kirsch mit dem Titel „Offene Fragen zu Ereignissen auf dem Maidan„: „Es gibt einen Untersuchungsbericht. Der wird aber nicht veröffentlicht, weil darin Unangenehmes über Andrij Parubi, den nationalistischen Kommandanten des Maidan, stehen könnte. Das würde sich auch mit dem decken, was die BBC jetzt veröffentlicht hat: Dass nämlich die Schüsse aus dem Konservatorium und dem Hotel Ukraina gekommen sind. Das Konservatorium aber war unter vollständiger Kontrolle des Maidan. Und im Ukraina, das am 20. Februar zu einem Maidan-Lazarett wurde, nächtigten die westlichen Journalisten. Niemand kam ins Ukraina, ohne dass die Maidan-Leute das bemerkt hätten. […] Warum sägt man beispielsweise Bäume ab, an denen man sehen kann, dass die Einschusslöcher aus einer anderen Richtung kamen? Es gibt Berichte amerikanischer ballistischer Experten, die sich die Einschusswinkel angesehen haben, auch auf den Schilden der Maidan-Kämpfer. Es wurde in deren Rücken geschossen. Dort waren allerdings keine Berkut-Einheiten.“.

Im dem Artikel der jungen Welt mit dem Titel „Kiews Kellerleichen. Neue Berichte über die Maidan-Gewalt vor einem Jahr“ heißt es: „Schon im vergangenen Oktober hatte ein Vertreter des ukrainischen Innenministeriums eingeräumt, dass bei der Besetzung von Polizei- und Armeekasernen im Januar 2013 auch zahlreiche Waffen in die Hände des Euromaidan gekommen seien. Die ‚dritte Kraft‘, die auf seiten der Regimegegner das Feuer eröffnete, könnte auch eine ‚Kraft Nummer zweieinhalb‘ gewesen sein, zumal in jenen Tagen der Abgeordnete Sergej Paschinski von der ‚Vaterlandspartei‘ mit einem Scharfschützengewehr in der Hand fotografiert wurde. Die neuen Machthaber haben bisher weder eigene Untersuchungsergebnisse über den Hergang vorgelegt noch eine internationale Untersuchung genehmigt.“.

Bereits in den Wochen zuvor hatte es in einigen Medien neue Informationen zu den Scharfschützenmorden gegeben: Nachdem Telepolis bereits im Dezember 2014 mehrmals von der Untersuchung eines kanadisch-ukrainischen Politikwissenschaftler berichtete, nach der Kämpfer der aktuellen ukrainischen Regierung Poroschenko/Jazenjuk beziehungsweise des sogenannten Rechten Sektors die oder einige der Maidan-Scharfschützenmorde in Kiew im Rahmen der „ukrainischen Revolution“ am 20. Februar 2014 begangen haben, berichtet später auch die britische BBC von einer möglichen Verwicklung der Maidan-Organisatoren in das Massaker, dem kurz darauf ein Putsch folgte.

Der Bericht der BBC („The untold story of the Maidan massacre„) beruft sich auf die Aussagen eines mutmaßlichen Mittäters, der an diesem Tag selbst auf die Polizei geschossen habe. „A day of bloodshed on Kiev’s main square, nearly a year ago, marked the end of a winter of protest against the government of president Viktor Yanukovych, who soon afterwards fled the country. More than 50 protesters and three policemen died. But how did the shooting begin? Protest organisers have always denied any involvement – but one man told the BBC a different story.“, beginnt der Artikel.

„Akribisch wertete er monatelang Zeugenaussagen, Filmmaterial und Funkübertragungen aus, um den Massenmord im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt zu rekonstruieren. Katchanovski belegt, dass auch Oppositionskräfte Scharfschützen einsetzten. Dabei nahmen die Maidan-Schützen nicht nur Polizisten sondern auch die eigenen Leute und Journalisten unter Feuer. Die Spur führt zum Rechten Sektor.“, heißt es in dem Dezember-Artikel („Scharfschützenmorde in Kiew“) bei Telepolis.

Ivan Katchanovski, ein aus der Ukraine stammender und in Kanada lebender und arbeitender Politikwissenschaftler, hat zum Jahrestag des Maidan-Massakers seine Analyse der Vorgänge noch einmal erweitert und stellt diese als wissenschaftliches Paper zur Verfügung, Titel: „The Snipers Massacre on the Maidan in Ukraine (Revised and Updated Version)“ (Hinweis darauf via Telepolis). Es beginnt mit dem Satz: „This paper is an updated and revised version of the first academic study on the mass killing of the “Euromaidan” protesters and police in the Maidan area of Kyiv, Ukraine, on February 20, 2014.“.

Katchanovskis wissenschaftliche Arbeit schließt mit der Folgerung: „The new government that came to power largely as a result of the massacre falsified its investigation, while the Ukrainian media helped to misrepresent this mass killing of the protesters and the police. The evidence indicates that the far right and oligarchic parties played a key role in the violent overthrow of the corrupt and oligarchic but democratically elected government in Ukraine. This academic investigation also brings new important questions that need to be addressed.“.

In der Tat gibt es bei den Kiewer Maidan-Scharfschützenmorden noch einige offene Fragen. Und nicht nur dort.

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