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Die Falschnachrichten für den Irankrieg

Wieder einmal soll mit erkennbar gefälschten Beweisen ein offener Krieg vom Zaun gebrochen werden.

In der Meerenge von Hormus wurden zwei Tanker angegriffen. Später wurden von der US-Regierung Fotos veröffentlicht, die die entstandenen Schäden an einem japanischen Tanker zeigen, die nach US-Angaben durch gesprengte Haftminen entstanden sein sollen, und die Schuld des Iran belegen sollen. Die japanische öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt NHK berichtete zum Ablauf der Attacke unter Berufung auf den japanischen Reeder und die Augenzeugenberichte seiner Schiffsmannschaft folgendes (1): 

„Der Präsident der in Tokyo ansässigen Reederei Kokuka Sangyo sagt, sein Tanker wurde von einem heranfliegenden Projektil getroffen. Er sagt, mehrere Crew-Mitglieder sahen mit eigenen Augen die Quelle der zweiten Detonation.  

Yutaka Katada, Präsident von Kokuka Sangyo sagte: ‚Ich habe Berichte erhalten, dass sie etwas auf sich zufliegen sahen, dann war da eine Explosion und dann war da ein Loch im Schiff.‘

Er bestritt, dass der Tanker von einer schwimmenden Mine, einem Torpedo oder mit angebrachtem Sprengstoff getroffen wurde, wie es zuvor berichtet wurde. Er sagte, der Schaden sei weit oberhalb der Wasserlinie.“

Im Original lautet die entsprechende Stelle des englischsprachigen NHK-Berichts folgendermaßen:

„The president of the Tokyo-based shipping firm Kokuka Sangyo says its tanker was hit by an incoming projectile. He says several crew members witnessed the source of the second blast.

Yutaka Katada, president of Kokuka Sangyo said, „I’ve received reports that they saw something come flying toward them, then there was an explosion, and then there was a hole in the vessel.“

He denied that the tanker was hit by a floating mine, torpedo or an attached explosive as had been previously reported. He said the damage was way above sea level.“

Bild: Zwei von den US-Behörden veröffentlichte Fotos des getroffenen japanischen Tankers mit Minen-Beschriftung.

Mit „attached explosive“ im japanischen Bericht sind die Haftminen gemeint, über die in EU- und US-Medien berichtet wird. Die US-Regierung hatte die Bilder der Schäden am Tanker entsprechend beschriftet. In deutschen Medien- beispielsweise bei T-Online in dem Artikel „USA präsentieren Beweisfotos – Soldaten entsendet“ – liest sich die Sache mit den Schäden am Schiff bisweilen ganz anders wie die Augenzeugenberichte der Mannschaft des Tankers (2):

„Die USA machen den Iran für die Angriffe auf zwei Öltanker im Golf von Oman am vergangenen Donnerstag verantwortlich. Teheran weist das zurück. Bei den schweren Zwischenfällen waren die zwei Tanker beschädigt worden. Die „Front Altair“ einer norwegischen Reederei geriet nach Explosionen in Brand. Auch der japanische Betreiber der „Kokuka Courageous“ berichtete von zwei Detonationen. Die genauen Hintergründe sind bislang unklar. […]

Das US-Verteidigungsministerium veröffentlichte am Donnerstag neue Fotos zu den Angriffen auf die beiden Öltanker im Golf von Oman, die die Vorwürfe gegen die iranischen Revolutionsgarden belegen sollen. Die Bilder zeigen nach Pentagon-Angaben unter anderem das Loch, das eine Haftmine oberhalb der Wasserlinie in den Rumpf eines der Öltanker namens „Kokuka Courageous“ gerissen haben soll.“

In dem T-Online-Bericht ist der Satz „Auch der japanische Betreiber der ‚Kokuka Courageous‘ berichtete von zwei Detonationen.“ der einzige, der auf die Aussagen des japanischen Reeders beziehungsweise die Zeugenaussagen der Schiffsbesatzung Bezug nimmt. Eingebettet in die Angaben der US-Regierung zu den angeblichen Haftminen scheint er also für den Leser des T-Online-Artikels zu bestätigten, dass hier Minen am Schiff angebracht wurden, die eine Explosion auslösten. Tatsächlich berichtet der Artikels des japanischen Staatssenders NHK aber etwas völlig anderes: Der Reeder bestritt vehement, dass hier Minen oder andere Explosivstoffe am Schiff angebracht wurden und verweist darauf, dass seine Mannschaft anfliegende Projektile sah, die in das Schiff einschlugen.

Außerdem berichtet die Mannschaft des Tankers auch nicht davon, dass ein Boot längsseits gegangen wäre und Haftminen angebracht hätte. Haftminen werden normalerweise von Tauchern angebracht, unterhalb oder vielleicht an der Wasserlinie. Man braucht ein Boot, um die Minen hoch über der Wasserlinie anzubringen. Ein solches wurde aber nie gesehen. Da bringt es auch nichts, dass die USA ein genauso sinnloses wie unbestimmtes Video, auf dem keine Haftmine zu sehen ist und welches Männer beim Entfernen einer nicht explodierten Haftmine zeigen soll, veröffentlichen. Selbst wenn Minen an dem Tanker angebracht worden wären, bedeutet das natürlich nicht, dass der Iran hierfür verantwortlich sein müsste. Allerdings ist es ohnehin sinnlos, über solche Minen zu spekulieren, wenn die Mannschaft des angegriffenen Tankers doch sagt, wie die Angriff stattgefunden hat: Anfliegendes Projektil, Explosion, Loch. Fertig.

Kriegspropaganda

Dass die USA, ihre Verbündeten und Medien trotz der Zeugenaussagen eine solche Haftminenpropaganda fahren, zeigt mehr als deutlich, dass es sich hier um eine False-Flag-Aktion handelt, um einen Krieg mit Iran vom Zaun zu brechen oder zumindest erst einmal den Druck auf das Land zu erhöhen. Die USA müssen nicht zwingend Ausführende des Angriffs gewesen sein – in der Region gibt es genug Verbündete – sind aber natürlich durch das Vorlegen der Falschbilder und gezielt falsch interpretierten Bilder samt dazugehöriger Propagandakampagne letztlich Hauptverantwortlicher dieser Aktion.

Wäre die „Haftminen-Theorie“ der USA lediglich auf himmelschreiende Inkompetenz der US-Militärexperten zurückzuführen – was natürlich auch eigentlich unmöglich ist – dann würde man doch wenigstens die Aussagen des Reeders und der Mannschaft entsprechend würdigen und in diese Richtung ermitteln. Offenbar müssen es dringend „Haftminen“ sein, weil man das so vorbereitet hat. Man hätte sonst ja auch einfach behaupten können, ein iranisches Schiff, Flugzeug oder eine iranische Drohne hätte auf den Tanker gefeuert, was zumindest den Aussagen der Schiffsbesatzung über die Art des Angriffs nicht widersprechen würde. Andererseits ist der Haftminen-Bullshit auch wieder ein „schöner Test“, welche Medien und Regierungen trotz grotesker Lügen „loyal“ zu den USA stehen und bereit sind, selbst die schwachsinnigsten Fake News zu verbreiten für das „heere Ziel Krieg“ (3-6).

NHK ist die einzige öffentlich-rechtlich organisierte Rundfunkgesellschaft in Japan. Sie betreibt mehrere landesweite Fernseh- und Hörfunkprogramme und ist so etwas wie ARD und ZDF zusammen in Japan. Wenn NHK nun etwas komplett anderes meldet, als das, was die westliche Propaganda vorgibt, dann sollte man bedenken, dass sich das Ganze zu einem kleinen Eigentor beim US-Verbündeten Japan entwickeln könnte. Schon bei der Korea-Problematik haben sich China, Nordkorea, Südkorea und Japan entgegen den Wünschen der US-Regierung angenähert. Nun stößt der dringende Wunsch nach dem Sturz der iranischen Regierung samt Fake-News-Kampagne die Japaner vor den Kopf, deren Regierungschef Abe sich ausgerechnet zum Zeitpunkt der Angriffe auf den japanischen Tanker in der iranischen Hauptstadt Teheran aufhielt (7).

Es gibt Hinweise darauf, dass die Hormus-Aktion vor allem von Hardlinern wie US-Sicherheitsberater John Bolton, der regelmäßig iranischen Terrorgruppen den Sturz der iranischen Regierung verspricht, und US-Außenminister Mike Pompeo sowie den Medien vorangetrieben wurde: US-Präsident Trump sprach in einem Interview mit dem Time-Magazine bezüglich der angeblichen iranischen Provokationen von kleineren Zwischenfällen (8-10). Er sagte, dass die Region energiepolitisch für die USA von kleiner Bedeutung sei. Eine Nachrichtensuche in der Suchmaschine „Google News“ zeigt keinen einzigen deutschsprachigen Treffer für „trump time magazine“, wie man es beispielsweise erwarten würde, wenn ein deutscher Medienanbieter über das relativierende Trump-Interview mit dem Time-Magazine berichtet. Es stellt sich die Frage, ob nicht eher die Hardliner hinsichtlich des Iran die Propaganda und das Heft des Handelns in der Hand haben.

Bild: Kein deutschsprachiger Bericht in Google News zu finden über das entschärfende Interview des US-Präsidenten Trump, welches bezeichnenderweise auch in den englischsprachigen Treffern nicht an erster Stelle steht.

Der Tonkin-Zwischenfall

Der Vorfall im Golf von Oman beziehungsweise in der Straße von Hormus nahe des Iran steht in einer Reihe mit dutzenden Propaganda- und Kriegseintrittslügen der USA in den letzten Jahrzehnten. Die westliche Supermacht arbeitet regelmäßig mit solchen Aktionen. Traditionell braucht ein kriegerischer Konflikt des Westens eine solche Wir-sind-die-Guten-Story. Der Hormus-Tanker-Vorfall erinnert etwas an die längst aufgedeckte Tonkin-Lüge vor dem – bereits vorher von der US-Regierung geplanten – Vietnamkrieg.

2014 berichtete sogar ein Blatt wie die linientreue „Zeit“ anlässlich des Jubiläums „50 Jahre Vietnamkrieg“ über die Tonkin-Lüge (11). 2005 thematisierte der nicht weniger linientreue Spiegel anlässlich der Irakkrieg-Eintrittslüge mit den angeblichen Chemiewaffen beziehungsweise Massenvernichtungswaffen das Tonkin-Ereignis in dem etwas beschönigenden Artikel „Der Torpedo-Angriff, den es nie gab„ (12). In dem genannten 2014er Zeit-Artikel „Vietnam-Krieg: Die Kriegslüge von Tonkin“ heißt es unter anderem:

„Am 4. August 1964 – mitten im Kalten Krieg – fuhr der US-Zerstörer Maddox vor der nordvietnamesischen Stadt Haiphong in den Golf von Tonkin – als er angeblich von vietnamesischen Schnellbooten mit Torpedos beschossen wurde. US-Präsident Lyndon B. Johnson reagierte auffällig schnell, schickte umgehend Bomber über das kommunistische Nordvietnam, drei Tage später verabschiedete der Kongress die ‚Tonkin-Resolution‘, faktisch eine Kriegserklärung und ein Blankoscheck.

Längst sind sich Historiker einig, dass der Angriff auf die Maddox ein Bluff war – der Militärgeheimdienst NSA hatte Informationen gezinkt. (…)

‚Im Frühjahr 1964 hatten die Militärplaner detaillierte Pläne für Angriffe auf den Norden‘, sagt die Professorin Marjorie Cohn von der Thomas Jefferson School of Law im kalifornischen San Diego. Es ging demnach lediglich um einen Vorwand zum Kriegseintritt – im Namen des Kreuzzuges gegen den Kommunismus.“

Verweise

(1) https://www3.nhk.or.jp/nhkworld/en/news/20190614_36/
(2) https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/krisen/id_85943384/tid_amp/irankonflikt-usa-praesentieren-beweisfotos-und-entsenden-tausend-soldaten.html
(3) https://www.rubikon.news/artikel/auf-dem-weg-nach-persien
(4) https://www.rubikon.news/artikel/das-kommende-inferno
(5) http://blauerbote.com/2018/07/07/bundesregierung-arbeitet-an-sturz-der-iranischen-regierung/
(6) http://blauerbote.com/2018/07/01/veranstaltung-fuer-iran-regime-change-in-paris/
(7) https://www.rubikon.news/artikel/nachstes-ziel-iran
(8) http://blauerbote.com/2018/03/24/sturz-der-iranischen-regierung-bis-2019/
(9) https://www.anti-spiegel.ru/2019/machtkampf-in-washington-wer-will-den-krieg-mit-dem-iran-und-wer-nicht/
(10) https://time.com/5608787/iran-oil-tanker-attack-very-minor/
(11) https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2014-07/vietnam-krieg-usa-50-jahre
(12) https://www.spiegel.de/politik/ausland/vietnam-krieg-der-torpedo-angriff-den-es-nie-gab-a-384265.html

Zum Artikel

Dieser Beitrag ist die Rohfassung meines heute im Rubikon-Magazin erschienenen Artikels zum Thema. Auch interessant: Ein weiterer heute im Rubikon erschienener Artikel: „Willkommener Vorwand„.

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