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Mars und Venus verkaufen

Schlangenöl ist längst out. Elon Musk ist „Billionär“. „Erfolgsmodelle“ unserer Profis sind Betrugsmodelle. Bei Mars-Visionen kommen mir natürlich Venus-Visionen in den Sinn. Ähnlichkeiten sind reiner Zufall. The Space Merchants, ein Science-Fiction-Roman von 1953 über eine dystopische Gesellschaft, Marketing und „Venus-Besiedelung“ (Handlung automatisch übersetzt aus der englischsprachigen Wikipedia):

„In einer hoffnungslos überbevölkerten Welt haben Unternehmen die Rolle von Regierungen übernommen und üben nun politische Macht aus. Staaten existieren nur noch, um das Überleben riesiger transnationaler Konzerne zu sichern. Die Werbung ist extrem aggressiv geworden und mit Abstand der bestbezahlte Beruf. Durch Werbung wird die Öffentlichkeit permanent getäuscht und in dem Glauben gelassen, dass sich die Lebensqualität durch alle auf dem Markt befindlichen Produkte verbessert. Einige dieser Produkte enthalten süchtig machende Substanzen, die Konsumenten abhängig machen sollen. Doch die grundlegendsten Lebensgrundlagen, wie Wasser und Treibstoff, sind unglaublich knapp. Persönliche Fortbewegungsmittel sind oft pedalbetrieben, und Rikschafahrten gelten als Luxus. Der Planet Venus wurde kürzlich besucht und trotz seiner unwirtlichen Oberfläche und seines Klimas als bewohnbar eingestuft; die Kolonisten müssten jedoch viele Generationen lang ein raues Klima ertragen, bis der Planet terraformiert werden kann.

Der Protagonist, Mitch Courtenay, ist ein Top-Werbetexter bei der Agentur Fowler Schocken. Er erhält den Auftrag, eine Kampagne zu entwickeln, die Kolonisten für die Venus gewinnen soll. Doch weitaus mehr geschieht, als er ahnt. Schnell entwickelt sich eine Geschichte voller Geheimnisse und Intrigen, in der viele Charaktere nicht das sind, was sie zu sein scheinen, und Mitchs Loyalitäten und Ansichten sich im Laufe der Erzählung drastisch verändern. Eine der Gefahren, denen er sich stellen muss, ist ein psychopathischer Agent seiner ehemaligen Firma, der dieselben psychologischen Techniken anwendet, die auch zur Identifizierung von Werbezielpersonen eingesetzt werden.

Mitch reist in ein Resort in der Antarktis und verirrt sich dort in einem Schneesturm. Als er wieder zu sich kommt, muss er feststellen, dass er als einfacher Arbeiter verschleppt wurde . Seine auf den Arm tätowierte Identifikationsnummer wurde verändert, sodass er seine alte Identität nicht wiedererlangen kann. Seine Fähigkeiten sind jedoch erhalten geblieben. Er wird Propagandaspezialist einer Gruppe von Revolutionären (der Weltnaturschutzvereinigung, kurz „Consies“) und schließt sich dabei der Sache derer an, die er einst als bloße Konsumenten manipuliert hat. Schließlich konfrontiert er diejenigen, die ihm sein Leben gestohlen haben – die nicht unbedingt seine Feinde sind – und diejenigen aus seinem alten Leben, die nicht unbedingt seine Freunde sind.“

In den Nachdenkseiten kann man heute unter der Überschrift „Elon Musk ist nun Billionär – auch dank Ihnen!“ unter anderem Folgendes lesen:

„Geht ein Unternehmen frisch an die Börse, wie im Fall SpaceX, gestaltet sich die Sache noch einfacher. Das Unternehmen gibt – natürlich in Absprache mit den betreuenden Investmentbanken – den Ausgabepreis vor. Nun kommt es nur noch darauf an, ob die Interessenten bereit sind, diesen Preis zu zahlen. Im Fall SpaceX waren sie es. Aber warum? (…)

Nimmt mal alle Sparten zusammen, bekommt man ein Unternehmen, das pro Jahr bei 19 Milliarden US-Dollar Umsatz stolze fünf Milliarden US-Dollar Verlust macht und kaum Wachstum generiert. Wie würden Sie ein solches Unternehmen bewerten? (…)

Doch bei Musk geht es natürlich nicht um so profane Dinge wie Umsätze oder gar Gewinne. Musk verkauft Visionen. Wenn er über SpaceX spricht, geht es um die Besiedlung des Mars, Asteroidenbergbau, Rechenzentren im All und eine „nach Wahrheit strebende KI“, „um das Licht des Bewusstseins zu den Sternen zu tragen“ – nein, das ist kein Zitat eines zugekifften Kneipenphilosophen, sondern steht so wörtlich im Börsenprospekt von SpaceX.

Ein klassischer Bankberater würde ja nun fragen, welches Geschäftsmodell in der Besiedlung des Mars oder Rechenzentren im All steht. Aber das ist ja „old school“. So denkt in der hippen Finanzwelt niemand. (…)

Und hier kommt nun die private Altersvorsorge ins Spiel. In den USA wird die vor allem über sogenannte 401k-Sparpläne und Pensionsfonds geregelt wird. Die Gelder aus diesen Sparplänen und Fonds werden in der Regel in ETFs finanziert. ETFs sind Indexfonds, die Aktienindizies nachbilden. Wenn Sie also über einen solchen Sparplan beispielsweise 100 US-Dollar pro Monat in einen ETF investieren, der den Technologieindex Nasdaq nachbildet, muss ihr Anbieter für diese 100 US-Dollar exakt die Aktien kaufen, die im Nasdaq gelistet sind – und zwar exakt in dem Verhältnis, in dem diese Aktien im Index gewertet sind. Hört sich kompliziert hat? Das Gegenteil ist der Fall. Nehmen wir das Unternehmen Apple, das mit 10,9% im Nasdaq eines der am höchsten gewichteten Unternehmen ist. Wenn Sie bei ihrem Anbieter für 100 US-Dollar Nasdaq-ETFs kaufen, muss er für 10,90 US-Dollar Apple-Aktien kaufen und sie im Rahmen ihres ETFS indirekt in ihr Depot legen. Solange sich Pensionen und private Altersvorsorge insgesamt in der „Ansparphase“ befinden und über die ETFs dadurch stetig mehr Aktien gekauft als verkauft werden, ist dies ein dauerhafter Nachfrageüberschuss, der die Preise/Kurse der Aktien nach oben treibt.

Elons Musks großes Schurkenstück war es, zusammen mit der Nasdaq einen Deal auszuhandeln. Dazu muss man wissen, dass Börsen wie die Nasdaq für jeden einzelnen Handelsvorgang Gebühren erheben. Die Nasdaq verdient also recht gut daran, dass die SpaceX-Aktien bei ihr gehandelt werden. Und um dies zu ermöglichen, hat die Nasdaq quasi ein Lex Musk verabschiedet. Sämtliche Verbraucherschutzregelungen wurden über Bord geworfen und Musks SpaceX-Aktie wird bereits 15 Tage nach dem IPO im berühmten Nasdaq 100 gelistet – und da der Unternehmenswert ja durch den Emissionspreis so grotesk überhöht ist mit einer Gewichtung von rund 0,5 Prozent. Jeder ETF, der den Nasdaq nachbildet, muss also nun innerhalb weniger Tage SpaceX-Aktien im Volumen von rund 0,5 Prozent des jeweiligen Anlagevolumens kaufen.

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